Tschetschenzen, Wein und Stille

2008 Juli 21
by califax


Aus. Vorbei. Kein Bock mehr. Kneipennächte machen einfach keinen Spaß mehr. Parties sind eher nervig geworden. Zwischen Hannes Wader und die Böhsen Onkelz drängelt sich immer mehr Bach, Brahms, Beethoven. Ich lebe ein neues Leben, das mir noch fremd ist. Einen Schlußstrich hat es nie gegeben. Irgendwie bin ich so aus dem alten Leben mit meiner Jugend heraus- und in mein neues ruhigeres Leben hineingerutscht. Als ich es bemerkt habe, gab es schon kein Zurück mehr.

Letztes Wochenende waren wir auf einer Hochzeitsfeier bei den Kohlköppen in Bocholt. Baldige Verwandte. Sture, ehrliche Leute. Bodenständig und symphatisch. Die Reise war schön, hat uns aber komplett geschafft. Dafür habe ich es dann letzte Woche endlich geschafft, eine Sache loszuwerden, die mir schon seit Jahren wie Kaugummi am Schuh klebte und sich zog und zog. Ich konnte es einfach nicht mehr sehen. Aber der Knoten ist nun endlich geplatzt. Innerhalb der nächsten zwei Wochen muss ich noch zwei wichtige Sachen fertigstellen. Ich muss mir zu einem Aufsatz in der komparativen Linguistik irgendetwas aus den Fingern saugen, und es sollte nicht allzu dämlich  klingen. Eine wirklich tolle Sache, da ich auf diesem Gebiet absolut keine Ahnung habe. Und en passant muss ich in der zweiten Sache noch nachweisen, daß die Verfasser der Duden-Grammatik Schwachköpfe sind. Das mach ich denn so zwischen Nobelpreisverleihung und Gründung meiner eigenen Akademie…

Blick aus dem Fenster

Blick aus dem Fenster

Dazwischen bleibt nicht viel Zeit zum Bloggen. Politik und andere Hobbies müssen warten. Dieses Wochenende war jedenfalls Abstinenz angesagt. Kein Fernsehen, kein Internet, kein Radio. Wir waren nur Samstags kurz draußen, um den Vorrat an Räucherspeck und Kartoffeln wieder aufzufüllen. Dabei sind uns noch ein paar gebrauchte Bücher in die Hände gefallen: die Erinnerungen von Franz Josef Strauß, Deutsche Reichsgeschichte in Dokumenten 1849-1926, Alexander Solschenizyns Brief an die Führer der Sowjetunion, eine dicke Schwarte über Churchill sind das interessanteste dabei. Den Rest des Wochenendes haben wir einen der zwei Gründe genossen, wegen denen wir überhaupt diese Wohnung hier genommen haben: Stille. Manchmal kommt ein Traktor vorbei. Zweimal, dreimal die Woche der Bierlieferant. Täglich die Post. Manchmal beschwert sich Nachbars Kater, wenn ihn niemand reinlässt. Lachende Kinder kommen eher unter der Woche vorbei. Sonst ist es absolut still. Vögel singen. Keine Motoren.

Wir haben uns ins Bett verkrochen und gelesen. Die Katzen waren dann auch dabei. Schnurrende tretelnde Kleinbürgeridylle. Dazu eine Flasche Cinzano, ausreichend ungarischen Weiswein, kühles Bier. Eine gebratene Forelle, dazu Rosmarinbratkartoffeln. Knoblauchbemme. Wunderbarer Käse, herrlich glitzernder, schmelzender Bröckelkäse aus Holland dabei. Specktoast. Keine Musik, kein Fernsehen. Stille und Essen und Wein und Literatur.

Den Anfang hat Alex Dumas gemacht. Leider ist in den Büchern kein Datum abgedruckt. Eine Kritzelei in dem Band mit der Reise in den Kaukasus und der Reise nach Afrika verrät nur, daß das Buch in den 60ern in Karlsbad (Karlovy Vary) gekauft wurde. Es gehört zu einer “Werksausgabe”, von der ich leider nur 3 Bände erbeutet habe. Das Äußere ist dabei geschicktes Marketing. Die Bücher sind schön gebunden aber leider ohne Lesebändchen. Die Schriftart finde ich sehr schön, die tz-Ligatur benutzt wie unser ß das alte scharfe s und ergibt eine richtige Verzierung. Das Papier ist unglaublich schlecht. Einige Seiten sollten wohl Fachwerktapete werden. Der Inhalt ist so eine Sache. Man hat Dumas’ Reiseerinnerungen stark gekürzt, um den Leser nicht mit zweifelhaften Geschichtsinterpretationen, Schwafeleien und Rezitationen zu nerven. Inwieweit das geglückt ist, weiß ich nicht, da ich die unbeschnittene Vorlage nicht kenne.

Was ich weiß, ist, daß es eine sehr mangelhafte Übersetzung und Korrektur gegeben hat. Einige der grammatischen Fehler scheinen durch Übernahme französischer Gewohnheiten ins Deutsche entstanden sein. Ich meine jedenfalls, ich hätte mal gehört, im Französischen wären Schiffsnamen männlich. Im Deutschen sind sie es jedenfalls nicht. In dieser Übersetzung hier aber schon. Fast auf jeder Seite finden sich dumme Rechtschreibfehler, oft Buchstabendreher. Mit der deutschen Verbgrammatik scheint es auch zu hapern. Transitivität, Reflexivität, Intransitivität, starke und schwache Verben bilden einen sprudelnden Quell des Vergnügens. Das Fehlerpotential wird voll ausgeschöpft. Der Übersetzer mühte sich ab, den Plauderton älterer Literatur zu treffen. Das ist auch meist gelungen. Aber diese Sprache wird nur nachgeahmt und nicht beherrscht. Das merkt man schnell. Oft ist es einfach altertümelnd-professorale Schwafelei wie bei Felix Dahns Ein Kampf um Rom. Nur war das bei Dahn erstens noch nicht altertümelnd und zweitens einigermaßen konsequent. Man hat also unabhängig vom eigentliche Inhalt schon genug, um sich zu amüsieren.

Den Rest hat Dumas erledigt: Anekdoten, Sagen, groteske Schilderungen am Rand der Slapstick, scheffelweise Ironie, rabenschwarzer Humor und eine erfrischend ungebremste Eitelkeit von der ersten bis zur letzten Seite. Der dümmlich-völkische Blick auf die Welt, nur schwach verhüllte Kolonialpropaganda und tiefsitzender Antisemitismus bilden unter anderem die unangenehme Seite der Medaille.

Moritz

Suchbild mit mutigem Kater

Damit war das Wochenende für mich eigentlich schon ausgefüllt. Es gab noch einen Roman über Leibnitz. Ein schön dicker Schinken. Die begeisterten Rezensionen auf dem Einband hatten mich so amüsiert, daß ich das Buch mitnehmen musste. Meine eigene Besprechung ist kurz. Um es mit den Worten des Helden aus Ratatouille zu sagen: Ja, jeder kann schreiben. Das heißt aber nicht, daß es jeder tun sollte. Jedenfalls nicht, wenn die Gefahr einer Veröffentlichung droht. Falls jemand ein hübsches gebrauchtes Buch zur Regaldekoration braucht, hätte ich hier einen Leibnitzroman abzugeben.

Ich habe dann die Autobiographie von Franz Josef Strauß angefangen. Die wird mich in den nächsten Wochen wahrscheinlich vom Bloggen abhalten. Für einen wie mich, der den Haß auf Strauß schon mit der Muttermilch aufgesogen hat, ist das Buch eine deftige Mahlzeit. Und gleichzeitig ist es das momentan interessanteste Buch im Haus.

Halb durch, mit Lesezeichen, steht etwas autobiographisches von Churchill im Regal. Daneben die Nibelungen in MHD. Beides interessant aber nicht immer das richtige zur Laune. Zum Geburstag, bald ist es soweit, habe ich mir Kant gewünscht. Oder Bastiat. Adam Smith. John Locke. Ayn Rand. Clausewitz. The Federalist Papers. Irgendwas aus dieser Reihe. Wahrscheinlich kriege ich trotzdem wieder irgendein Fantasiekinderbuch aus der Bestsellerliste. Oder einen unleserlichen “anspruchsvollen” postmodernen Roman ohne Plot, ohne Story, ohne lesenswerte Sprache. Oder selbstgetöpferte Staubfänger. Irgendsowas. Aber ich hoffe und hoffe. Vielleicht dieses Jahr. Ich will keine Kneipenabende und keine interessanten Ausflüge mehr. Ich will wieder lesen, wie ich es als Kind am liebsten gemacht habe. Das man als Erwachsener zu den Gewohnheiten aus der Kindheit zurückkehrt, die man als Jugendlicher so radikal weggestoßen hat, ist irgendwie auch ironisch. Eine kleines bisschen jedenfalls.

Und jetzt muss ich weg. Kassler und Sauerkraut besorgen. Erst wird das Fleisch angebraten, dann wird mit Sauerkrautsaft abgelöscht. Dann werden Kassler, Sauerkraut (mit Lorbeer und Wacholder, ohne Kümmel und andere Zugaben) und Kartoffeln gemeinsam in dem Topf geschmort, bis das Fleisch vom Knochen fällt. Dazu Senf und Bier. Das wird heute unser Abendbrot.

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