Die Ruhe nach dem Sturm
Stille. Was mich immer wieder verblüfft, ist die Stille und Ruhe nach dem Sturm. Das ist eine Ruhe, die von innen kommt, die man in der großen Stadt mit ihrem Rummel gar nicht bemerken kann. Man braucht eine Kleinstadt oder ein Dorf, um es überhaupt zu bemerken. Dieses Gefühl der Entspannung und des Friedens nach dem großen Knall. Dieses Bewusstsein – es ist erstmal vorbei.
Die Ruhe vor dem Sturm war schrecklich. Seit meiner Kindheit habe ich keine so dicke Luft mehr gespürt. Das Atmen war anstrengend. Das Denken war wie Morast. Mein Kopf explodierte fast. Kaffee, Aspirin, Wasser, Hinlegen, alles sinnlos. Es gab nicht den geringsten Wind. Alle Fenster offen. Man hätte die Luft in Scheiben schneiden und als Baumaterial verkaufen können. Kühles Bier war ein Wunschtraum. Kaum aus dem Kühlschrank war die Plörre schon warm und dick. Einschlafen unmöglich. Das war eine lange Nacht.
Als ich endlich eingenickt bin, war ich gleich wieder wach. Taghelles Zimmer, ein Mordsschlag. Die Blitzschläge kamen im Sekundentakt. Die Einschläge kamen schnell näher. Gleich zu Anfang schlug es immer wieder auf der anderen Seite vom Dorf auf dem Hügel ein. Das sind so einhundert, zweihundert Meter Entfernung. Einige Schläge können nur 50m entfernt gewesen sein.
Der Regen und der Wind waren das beste. Der ganze Mief, die stickige, festgebackene Luft wurde endlich aus der Wohnung getrieben. Ein herrliches Gefühl, wenn der Kopf wieder klar wird. Die beiden Mietzen waren fasziniert. Der Kleine war in Panik, konnte aber nicht weg vom Fenster. Er musste einfach sehen, was da los war. Es wurde ja auch etwas geboten. Die Straße war gleich nach Beginn des Regens knöcheltief überschwemmt. Der Bach konnte die Wassermassen mit Sicherheit nicht mehr aufnehmen. Es war aber völlig unmöglich, in diesem Stroboskoplicht zu erkennen, ob das Wasser mehr den Hang hinunter oder vom Bach herauf kam. Es prasselte und prasselte. Auf der Gartenseite des Hauses konnte man gar kein Regenprasseln mehr hören. Dort gab es nur noch einen Wasserfall.
Irgendwann die Feuerwehrsirene. Es dauerte ungewöhnlich lange, bis die Leute ankamen. Vielleicht war es die Stunde, blaue Stunde, so daß sie eine Weile brauchten, um wach genug zu sein. Irgendwann wurde es diffus hell in dem ganzen Wolkenbruch, und die Blitzschläge ließen nach. Und dann war ich endlich weg.
Aufgewacht bin ich vor einer Stunde. Hätte ich heute vormittag irgendeinen Termin gehabt – keine Chance. Ich war wie tot.